Kaszanka
[Nordosteuropäisches Hütchenspiel mit und ohne doppelten Boden]

"Lkw-Pkw-Waschstrasse-huh! Arbeit, Arbeit", singt Gregorsz "Sputnik" Biermann aus Danzig, unterlegt von fröhlich-groovendem Calypso-Rhythmus - und er weiß, wovon er spricht, denn der Legende nach hat er selbst einmal für 6,50 Mark pro Stunde in einer Waschstrasse gearbeitet.... Bei einem Konzert von Kaszanka fühlt man sich unmittelbar versetzt in den Film "Schwarze Katze, weißer Kater" von Emir Kusturica. Kaszanka ist ein unbeschwertes breites Grinsen, das unmittelbar einem unerwarteten Vorkommnis vorausgeht wie z.B. dem, dass man sich selbst rufen hört "Wodka für Alle!!" oder in den Spiegel guckt und einen blitzenden Goldzahn im eigenen Mund entdeckt.

"Igitt - Polka", dachte man gerade noch, aber dann: ein Konzert von Kaszanka lässt wohl niemanden kalt. Zwei (!) E-Bässe breiten einen dicken, vielleicht roten, Teppich aus, auf dem Gesang, Mandoline, E-Gitarre, Posaune, Saxophon und Trompete leichtfüßig dahintänzeln. Die elektronische Orgel sorgt dabei für stilistische Brüche mit Pfiff und Selbstironie. Als Polkaband versteht sich Kaszanka jedoch nicht, obwohl der typische Kaszanka-Sound durchaus im weitesten Sinne als folkloristisch bezeichnet werden kann. Übrigens: Kaszanka ist natürlich polnisch und heißt: ...WURST. Frech. So wie der Sound, der wohl als akustisches Anti-Depressivum bezeichnet werden darf. Die Band selbst spricht in diesem Zusammenhang von "Trash Folk'n'Roll". Sind die Mitglieder der Band also naive Frohnaturen? "Nun, jedenfalls recht aufgeschlossen gegenüber den Sonnenseiten des Lebens", meint Gitarrist Ralf und Bassist Ingar fügt hinzu: "So ein bisschen verkracht darf man schon sein, um diese Musik zu machen!" Letztlich funktioniert der Kaszanka-Sound als Rückkopplung, denn "wenn ich diese Musik nicht machen würde, wäre ich todtraurig", sagt Ole, der Mandoline und Ukulele bedient.

Mut zum Risiko ist ein nicht wegzudenkendes kompositorisches Element, denn "Kaszanka ist nicht so eine Band, wo die Stücke ewig so bleiben, wie sie irgendwann einmal erfunden wurden, sondern es kann passieren, dass beim Soundcheck noch jemand auf eine Idee kommt und ein neuer Part konstruiert wird. Dann muss man einfach versuchen, sich noch kurzfristig zu merken, was das denn noch gewesen sei - da muss man sich einfach konzentrieren", erklärt Posaunistin Mareike. Keinesfalls ist das Motiv hier die Sucht nach Perfektion, sondern schon eher ein stetiger Entwicklungsdrang - und vielleicht ein bisschen die Furcht vor Langeweile. Ist das nordosteuropäische Hütchenspielermentalität? Tricksen und riskieren, dass eventuell auch einmal jemand den Trick durchschaut? "Bei den allerersten Konzerten konnte man das auf alle Fälle sagen, aber da wir beide Male gewonnen haben, haben wir nachher versucht, das Kapital zusammenzuhalten", kommentiert Ingar diese Frage. Überhaupt sitzt den Kaszankas der Schalk im Nacken. Sänger Sputnik vertritt die These, ein Song brauche keinesfalls zwangsläufig auch einen Text - aus Faulheit, so vermutet die restliche Band. So charmant offen ist das gesamte Konzept. Ist es eine Band oder ist es ein Projekt? "Wenn ich die Band betrachte, denke ich ein bisschen an Fußball: Alle müssen gut sein ... aber irgendwie ersetzbar wär' man dann doch", meint Ingar, woraufhin ihm allseits widersprochen wird. Obwohl das ganze ursprünglich einmal als Projekt gedacht war, einfach, damit immer jemand zur Verfügung steht, wenn Sound gemacht werden soll, hat sich inzwischen ein charismatisches Gesamtgefüge dauerhaft etabliert. Ein Volumen ohne Konturen ist Kaszanka also nicht! Es ist definitiv mehr als die bloße Summe seiner Teile, die stets auseinanderdriften. Aus diesem Grunde sind Konzerte auch immer die intensivsten Proben, denn so gut wie nie befinden sich alle elf Bandmitglieder einmal gemeinsam im Proberaum. "Üblicherweise sind immer mal drei bis fünf Leute da, das nächste Mal proben drei bis fünf andere Mitglieder der Band, und die Schnittmenge erzählt dann, was die anderen gemacht haben. Und das wird weiterentwickelt", erzählt Ralf. Was dabei herauskommt ist reizend. Kaszanka hören heißt: Man hat definitiv auf das richtige Hütchen getippt!

Anne Gerling
Foto: Christoph Riccius

www.kaszanka.de

POP-UP 1:

Wer Kaszanka live erleben möchte, kann dieses am 07.07.00 ab 21.00 Uhr im Hamburger "Hafenklang" anlässlich der Record Release Party von "in spiritus caritas", erschienen beim Hamburger Label "H.A.G."

POP-UP 2:

Im August bietet sich Gelegenheit, das in Berlin stattfindende 3. POLKAFESTIVAL zu goutieren. Infos hierzu gibt es unter www.polkaservice.de

Am Sonntag dem 27. 08 findet ab 17.00 Uhr im Berliner "Pfefferberg" das "POLKA FEST 2000" in der Tradition der US-amerikanischen Polka Feste - die ihren Ursprung bei den Einwanderern aus Polen, Böhmen, Deutschland und dem Balkan Anfang des 20. Jahrhunderts haben - unter dem Motto "To Dance Is Human. To Polka Divine" statt. Und das mittlerweile schon zum dritten Mal. Vier Live-Bands und ein DJ werden den Abend gestalten.
Mit dabei:
Brave Combo aus Texas. Polka Service aus Berlin, Thee Watzloves aus Bremen stellen ihre neue Platte vor und Kaszanka aus Hamburg. In den Pausen hält Deutschlands one and only Polka-DJ Steve Beckszyb die Besucher bei Laune. Am Buffet gibt es standesgemäß Bigos (polnischer Sauerkrauttopf) und Kolatschen (gefüllte Teigtaschen).