Ist Polka das nächste große Ding? Möglicherweise. Das Interesse am dritten Polkafest im Pfefferberg war jedenfalls groß und mündete in einen ekstatischen Schluss. Vier Bands hatten sich angekündigt, um dem Berliner Publikum jene Musik näher zu bringen, die in Amerika eine eigene fest etablierte Sparte ist, aber hierzulande höchstens im Musikantenstadl gespielt wird.

Doch von kommerzialisiertem Folklorekitsch sind die Bands im Pfefferberg weit entfernt. Beim der Hamburger Nonett Kaszanka scheint es kein Zufall, dass Polka und Punk mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Der Sänger trägt eine unsägliche Proletentracht aus Pyjama-Hosen und Leopardenfellweste, Tattoos zieren seine Oberarme. Die Band dilettiert auf Szene-Niveau mit Orgel, Posaune und Saxofon. Der Sänger versucht sich auf russisch und englisch zwischen tiefen Schlucken aus der Jim Beam-Flasche. Kaszanka spielen Trash-Polka mit Einflüssen aus Latin, Easy Listening und Afromusik.

Die Stimmung im Garten wird vom Bremer Duo The Watzloves nicht nur gehalten, sondern gesteigert. Sängerin und Akkordeonistin Silky und Schlagzeuger Guido verbinden Country, Rockabilly und Polka zu einer mitreißenden Show mit ebenfalls englischsprachigen Songs. Geradezu brav wirken im Gegensatz dazu die Berliner Musiker von Polka Service. Das Highlight des Abends ist das texanische Quintett Brave Combo. Die Polka-Grammy-Gewinner spielen auf professionellem Niveau und geben Volkslieder wie "Rosamunde" nicht der Lächerlichkeit preis, sondern spielen sie mit der Rock-Attitüde des "serious fun". Der Saal tobt und selbst Techno-Autor Rainald Goetz macht sich fleißig Notizen über das Phänomen Polka. Wie selbstverständlich mixen die Texaner Latin, Jazz, griechische Trinklieder und deutsche Volksmelodien, die der mexikanischen Bassist auch auf Deutsch singt. Nur mit Mühe werden Brave Combo der Begeisterung Herr, die ihnen entgegenbrandet. oha

http://www.berliner-morgenpost.de Dienstag, 29. August 2000