Dienstleistung im Zweivierteltakt Das "Polka Fest 2000" betreibt Traditionspflege als Pop-Phänomen Von Oliver Heilwagen Berlin- Umpah, Umpah: Der Zweivierteltakt der Polka könnte schlichter nicht sein. Dementsprechend gilt die Polka hierzulande als Tanz für schlichte Gemüter: Ein nostalgisches Vergnügen für Hinterwäldler in Folklore-Trachten, die jauchzend den Gamsbart-Hut schwenken, wenn die Blaskapelle aufspielt. In Übersee ist das anders: Im amerikanischen "Polka Belt" zwischen Wisconsin und Texas treffen sich alljährlich Zehntausende von Fans auf so genannten "Sausage Festivals". Dort tanzen die Nachfahren von Einwanderern aus Böhmen, Polen und Deutschland zu neuen Spielarten der Musik, die ihre Ahnen im 19. Jahrhundert aus der Heimat mitbrachten. Etwa dem New Yorker "Eastern Style" mit seinen schnellen Akkordeon-Soli. Oder dem texanischen "Conjunto" mit spanischen Einflüssen. Dazu vertilgen sie tonnenweise das polnische Nationalgericht Bigos - eine Art Sauerkrauteintopf - und Bratwürste. Hier ist die Traditionspflege ein Pop-Phänomen. Wie die Weinstöcke der Bordeaux-Traube Cabernet, die Frankreich nach einer verheerenden Insektenplage aus Kalifornien einführen musste, soll auch die moderne Polka als US-Reimport in Europa wieder populär werden. Das wünschen sich die Mitglieder der Berliner Band "Polka Service", die am Sonntag im Pfefferberg das "Polka Fest 2000" organisierten: "Polkatanzen kann ein wunderbares Ereignis sein, das soziale Gruppen von Punks bis Rentnern zusammen-bringt", schwärmt Keyboarder Peter Roloff. Viele graumelierte Besucher staunten allerdings nicht schlecht, als sie von den schrägen Klängen der Hamburger Truppe "Kaszanka" empfangen wurden: Ein halbes Dutzend Galgenvögel, das einem Jim-Jarmusch-Film entsprungen schien, spielte schaurig-schöne Weisen. Nach dieser Trash-Polka präsentierte das Bremer Duo "Thee Watzloves" eine minimalistische Variante, mit der es die Zuhörer zu ersten schüchternen Tanzversuchen animierte. Die Massen in Schwung zu bringen, blieb aber den Gastgebern vorbehalten. Ihre Gruppe entstand, als der Trompeter Boris Springborn in einer bankrotten Kneipe eine Tuba als Wandschmuck entdeckte. Er kaufte das Instrument und sattelte um. Nun verstehen sich die sieben Hobbymusiker von "Polka Service" als Dienstleister, die aus Prinzip keine Platten aufnehmen, sondern live gute Laune verbreiten wollen. Das gelingt ihnen, indem sie alles Mögliche verpolkaisieren: Vom Gassenhauer "Rosamunde" bis zu Madonnas "Material Girl" ist kaum etwas vor dem Umpah-Umpah der Tuba-Basslinien sicher. Noch eklektischer geht es bei "The Brave Combo" zu. Der Auftritt der US-Stars, die bereits einen Grammy gewannen, war der Höhepunkt des Festivals: Vier Altrocker mit langen Haaren verwursten jeden nur denkbaren Sound zu einem atemberaubenden Stilmix. Texte sind Nebensache und werden gerne durch "Lalala" ersetzt, solange nur der rasende Rhythmus stimmt. Derart unbefangen kann man die Volksweise "Muß i denn zum Städele hinaus" als schweißtreibenden Tanzfeger wohl nur interpretieren, wenn man aus der Neuen Welt kommt. Dieser Fusion-Hardcore-Polka fiel im Pfefferberg, wo man der Multikulti-Idee verpflichtet ist, auf fruchtbaren Boden: Seit den Anfangstagen von Techno sah man Berlins Teenager nicht mehr so ekstatisch tanzen. Von ihrer Begeisterung überwältigt, ließ sich "The Brave Combo" zu dem Versprechen hinreißen, hier ab sofort jeden Sonntag eine Polka-Party zu geben.

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